Sehenswürdigkeiten, Sagen & Kultur – die Stopps, die eine Tour erst rund machen.
Sehenswert
Sehenswürdigkeiten in den Dolomiten: Drei Zinnen, Pragser Wildsee, Seiser Alm
Das Besondere an den Dolomiten ist, dass viele der berühmtesten Postkartenmotive direkt an oder unmittelbar neben den Passstraßen liegen. Man muss selten weit vom Bike weg, um die großen Sehenswürdigkeiten zu sehen — was die Frage nach dem Parken umso wichtiger macht, denn in der Hauptsaison sind die bekannten Plätze überlaufen und teils zufahrtsbeschränkt.
Die Straße über das Sellajoch
Das wohl ikonischste Ziel sind die Drei Zinnen (italienisch Tre Cime di Lavaredo), das Wahrzeichen der UNESCO-Dolomiten. Wer sie aus der Nähe sehen will, fährt von Misurina aus die mautpflichtige Stichstraße zur Auronzohütte (Rifugio Auronzo) auf rund 2.333 m hinauf, wo ein großer Parkplatz wartet. Die rund sechs Kilometer lange Straße ist gut ausgebaut, aber kostenpflichtig und nur mit vorab online gebuchter, kennzeichengebundener Reservierung befahrbar. Von der Hütte geht es zu Fuß weiter — mit Motorradstiefeln nur die kurzen Wege, der eigentliche Rundweg um die Zinnen ist eine ausgewachsene Bergwanderung.
Der Pragser Wildsee (Lago di Braies) im Pustertal ist der meistfotografierte See der Dolomiten — türkisgrünes Wasser, Holzboote, steile Felswände im Hintergrund. Genau wegen dieser Berühmtheit ist die Zufahrt in der Hauptsaison stark reglementiert. Von Anfang Juli bis Mitte September braucht man zwischen 9:30 und 16:00 Uhr ein gültiges Ticket für die Zufahrt ins Tal; ohne vorab online reservierten Parkplatz kommt man tagsüber gar nicht erst hinein. Das gilt ausdrücklich auch für Motorräder. Wer den See sehen will, kommt also entweder früh am Morgen, am späten Nachmittag oder reserviert vorab — oder nimmt den Shuttle-Bus. Außerhalb der Sperrzeiten ist die Einfahrt frei.
Cortina d'Ampezzo im Veneto ist der mondäne Hauptort der Ampezzaner Dolomiten und ein natürlicher Dreh- und Angelpunkt: Hier kreuzen sich die Große Dolomitenstraße, die Wege zum Falzarego, zum Giau und zur Drei-Zinnen-Region. Zum Parken eignen sich die Parkplätze am Ortsrand besser als die enge Innenstadt; von dort lässt sich gut eine Kaffeepause einlegen, bevor es weiter in die Berge geht.
Sellajoch
Die Seiser Alm (Alpe di Siusi) oberhalb von Kastelruth ist die größte Hochalm der Alpen, mit dem Schlern und den Türmen des Rosengartens als Kulisse. Für Motorradfahrer ist sie allerdings nur eingeschränkt befahrbar: Als geschütztes Biotop gilt in der Hauptsaison ein striktes Fahrverbot für Privatfahrzeuge von 9:00 bis 17:00 Uhr. Die Zufahrt nach Compatsch ist nur vor 9:00 und nach 17:00 Uhr frei. Tagsüber bleibt der Blick auf die Alm den frühen Vögeln, dem Bus oder der Seilbahn vorbehalten. Wer hinauf will, fährt also früh.
Die Marmolada, mit 3.343 m der höchste Berg der Dolomiten, lässt sich von der Straße über den Fedaiapass und vom Fedaiasee aus eindrucksvoll bestaunen. Sie trägt den einzigen größeren Gletscher der Dolomiten und wird die „Königin der Dolomiten" genannt; genau genommen ist sie ein Bergkamm aus mehreren Gipfeln, der höchste ist die Punta Penia, gefolgt von der Punta Rocca (rund 3.309 m). Eine Seilbahn erschließt den Berg auch ohne Bergsteigerausrüstung. Und der Karersee (Lago di Carezza) liegt direkt an der Straße zum Karerpass, in einer Mulde kurz vor der Passhöhe — einer der wenigen großen Seen, an dem man praktisch im Vorbeifahren anhalten kann. Für den Karersee gibt es einen kostenpflichtigen Parkplatz an der Hauptstraße; das wilde Abstellen am Straßenrand ist dort nicht gern gesehen und vielerorts unterbunden.
Eine Faustregel für alle bekannten Spots: In der Hauptsaison entscheidet die Uhrzeit über das Erlebnis. Früh am Morgen sind die Parkplätze leer, die Straßen frei und das Licht am schönsten. Ab dem späten Vormittag verwandeln sich die berühmten Plätze in Parkplatzschlachten.
Kultur & Sagen
König Laurins Rosengarten: ladinische Sagen & Legenden der Dolomiten
Die Dolomiten sind ladinisches Kernland, und die ladinische Sagenwelt ist eng mit den Bergen verwoben, an denen man auf der Tour vorbeifährt. Diese Geschichten sind Volksüberlieferung — der Sage nach erklären sie, warum die Felsen so aussehen, wie sie aussehen, und sie geben den großen Massiven ihre Namen.
Die bekannteste Sage ist die von König Laurin und seinem Rosengarten. Der Sage nach herrschte der Zwergenkönig Laurin über ein fleißiges Bergvolk, über Berge voller Erze und über einen prächtigen Rosengarten, auf den er besonders stolz war. Zu seinen Schätzen gehörten der Überlieferung nach eine Tarnkappe und ein Zaubergürtel, der ihm die Kraft von zwölf Männern verlieh. Als der Rosengarten ihm zum Verhängnis und Verrat wurde, soll Laurin ihn verflucht haben: Weder bei Tag noch bei Nacht solle je wieder ein menschliches Auge die Rosen sehen. Doch — so erzählt man — vergaß er in seinem Zorn die Dämmerung. Und so leuchtet der verwunschene Garten in der kurzen Stunde zwischen Tag und Nacht noch immer in rotem Schein.
Damit erklärt die Sage das Alpenglühen, das die Ladiner Enrosadira nennen — jenes rötliche Leuchten, das bei Sonnenuntergang über die Felswände des Rosengartens (ladinisch und italienisch Catinaccio) wandert. Naturwissenschaftlich entsteht das Glühen durch die besondere Zusammensetzung des Dolomitgesteins, das im flachen Abendlicht rötlich reflektiert. Der Sage nach aber sind es Laurins Rosen. Beide Erklärungen lassen sich von der Straße über den Karerpass aus am besten genießen, wenn man am frühen Abend die Wände des Rosengartens im Rücken hat.
Die zweite große Überlieferung ist das Reich der Fanes (ladinisch Fanes), das als Nationalepos der Ladiner gilt — die wichtigste und umfangreichste ihrer Sagen. Der Sage nach erzählt sie vom Untergang eines Bergvolkes, das mit den Murmeltieren verbündet war, während die kriegerischen Mitglieder des Königshauses sich mit dem Volk der Adler verbanden. Im Zentrum steht die Königstochter Dolasilla. Das Murmeltier gilt in der Sage als Symbol für Frieden und Bescheidenheit. Die Schauplätze der Legende liegen im Gebiet der Conturines und der Fanesalm in den Naturparkbergen oberhalb von Alta Badia — Gegend, durch die man auf den Wegen rund um Corvara und das Grödnerjoch fährt. Der Sage nach soll die weiße Marmotta, das weiße Murmeltier, ein zentrales Wesen dieser Geschichte sein.
Viele Berg- und Talnamen der Region sind ladinischen Ursprungs, und an den meisten hängt eine dieser Erzählungen. Für bare Münze muss man sie nicht nehmen — sie erklären aber, warum diese Berge für die einheimische Bevölkerung mehr sind als Fels.
Sehenswert
Lagazuoi & Cinque Torri: Weltkriegs-Stopps für Regentage in den Dolomiten
Über die landschaftliche Schönheit vergisst man leicht, dass die Dolomiten vor gut hundert Jahren Schauplatz eines der härtesten Hochgebirgskriege der Geschichte waren. Zwischen 1915 und 1917 verlief hier die Dolomitenfront zwischen dem Königreich Italien und Österreich-Ungarn. In den Fels gesprengte Stollen, Schützengräben und Stellungen prägen bis heute die Hochlagen — und einige der eindrucksvollsten Zeugnisse liegen direkt an den Passstraßen, die man ohnehin befährt.
Das dichteste Freilichtmuseums-Gebiet zieht sich rund um den Falzaregopass. Am Lagazuoi, dem markanten Felsberg oberhalb der Passhöhe, gruben sich beide Armeen tief in den Berg, um die jeweils andere Seite zu unterminieren und ihre eigenen Stellungen zu sichern. Die Kämpfe dauerten bis zur Schlacht von Karfreit (Caporetto) im Oktober 1917, in deren Folge die italienische Armee die Dolomitenfront Anfang November aufgeben musste. Heute sind die Stollen und Gräben aufwendig restauriert und in einem grenzüberschreitenden Gemeinschaftsprojekt der einst verfeindeten Nationen wieder begehbar gemacht worden. Der Besuch der Stellungen ist frei; für die Stollengänge werden Helm und Stirnlampe empfohlen, die vor Ort bis etwa Ende September auch ausgeliehen werden können. Je nach Route dauert ein Rundgang ein bis zweieinhalb Stunden. Den oberen Einstieg erreicht man bequem mit der Seilbahn von der Falzarego-Passhöhe.
Ein zweites Freilichtmuseum liegt im Gebiet der Cinque Torri (Fünf Türme), ebenfalls oberhalb von Cortina, gut erreichbar von der Straße zwischen Falzarego und Cortina. Hier wurden italienische Stellungen, Geschützstände und Unterstände restauriert; die Wege winden sich durch das einstige Hinterland der Front. Ergänzend gibt es das Museum im Forte Tre Sassi am Valparolapass. Auch das Cinque-Torri-Gebiet lässt sich mit der Seilbahn oder zu Fuß erschließen.
Wer den Krieg in größerer Höhe begreifen will, findet auf der Marmolada ein weiteres Kapitel: In den Gletscher der Marmolada trieben österreich-ungarische Truppen ein ganzes System von Stollen, die berüchtigte „Eisstadt". Am Berg gibt es ein dem Ersten Weltkrieg gewidmetes Museum, das die Bedingungen dieses Kriegs auf über 3.000 Metern dokumentiert.
Für eine Motorradtour sind diese Stopps doppelt wertvoll. Erstens liegen sie direkt an der Route, vor allem rund um Falzarego, Giau und Cortina. Zweitens bieten die Museen und Stollen einen wetterunabhängigen Programmpunkt: Wenn am Nachmittag das übliche Hochgebirgsgewitter aufzieht, ist ein überdachter oder unterirdischer Museumsbesuch genau das Richtige, statt sich auf nasser Passstraße abzuquälen. Festes Schuhwerk und eine warme Schicht gehören aber auch im Hochsommer in die Stollen — dort unten ist es kühl und feucht.
Sehenswert
Bergseen & Almhütten: die schönsten Natur-Stopps der Dolomiten
Zwischen den großen Sehenswürdigkeiten liegen die kleineren Stopps: Seen, Aussichtspunkte und Plätze, an denen sich eine längere Pause lohnt. Die Dolomiten leben von ihrem Kontrast — heller, fast weißer Fels über grünen Almen und tiefblauen oder türkisgrünen Bergseen.
Der unkomplizierteste der großen Seen ist der Misurinasee (Lago di Misurina) auf dem Weg zur Drei-Zinnen-Straße: Er liegt direkt an der Durchgangsstraße zwischen Toblach und Cortina, und anders als am Pragser Wildsee braucht hier niemand eine Reservierung, um ans Wasser zu kommen. Am Karersee gibt es einen kostenpflichtigen Parkplatz an der Hauptstraße, am Pragser Wildsee entscheidet in der Hauptsaison die Uhrzeit über die Zufahrt.
Der schönste Naturstopp der Region kostet dagegen gar nichts: das Alpenglühen am Rosengarten. Wer seine Tagesrunde so legt, dass er am frühen Abend in Sichtweite des Catinaccio steht — etwa rund um den Karerpass —, sieht, wie die Wände in der Dämmerung rötlich aufglühen. Das dauert keine halbe Stunde und lässt sich ohne Umweg an einen Fahrtag anhängen.
Als Pausenplätze bieten sich die Passhöhen selbst an — fast jede hat einen Parkplatz, oft mit Berghütte, Kiosk oder Restaurant. Pordoijoch, Sellajoch, Grödnerjoch, Falzarego und Giau haben jeweils eine Einkehr auf der Höhe. Diese Hütten sind in der Saison gut besucht, aber sie liefern den klassischen Dolomiten-Stopp: Bremse abkühlen lassen, einen Espresso trinken, die Felswände anschauen und weiterfahren.
Eine Straße als Bauwerk: Trassierung und Herkunft der Großen Dolomitenstraße
Die durchgehende West-Ost-Achse durch das Gebirge ist kein Saumpfad, den man irgendwann asphaltiert hat, sondern ein durchgeplantes Ingenieurprojekt der österreichischen Landesverwaltung. Gebaut wurde über mehr als ein Jahrzehnt hinweg, mit einem klaren Zweck: den aufkommenden Fremdenverkehr in die Hochtäler zu bringen, zunächst für Pferdekutschen und Postwagen, erst danach für Automobile. Genau daraus erklärt sich, wie sich die Strecke heute unter dem Motorrad anfühlt. Weil eine Kutsche keine Steilrampe bewältigt, wurde die Steigung über weite Bögen verteilt statt in kurzen, brutalen Anstiegen abgearbeitet. Weil ein Gespann Platz zum Wenden braucht, sind die Kehrenradien großzügig und die Fahrbahn durchgehend zweispurig. Wo der Hang zu steil wurde, kamen gemauerte Stützkonstruktionen und Galerien zum Einsatz, statt die Trasse in eine Engstelle zu quetschen.
Der Krieg hat dieses Netz dann verdichtet. Mehrere Seitenäste, die heute als Genussstrecken gelten, entstanden als Militärstraßen für Nachschub und Geschütztransporte in die Sperrzone an der damaligen Reichsgrenze — sie sind schmaler, enger trassiert und steiler als die Hauptachse, weil sie nie für Reisende gedacht waren. Nach 1918 fiel das gesamte Gebiet an Italien, die Grenze verschwand mitten aus dem Passnetz, und aus der habsburgischen Touristenstraße wurde eine italienische Staatsstraße. Der Mischcharakter ist bis heute spürbar: Man wechselt innerhalb einer Stunde zwischen komfortabel trassierten Tourismusabschnitten und schmalen, kompromisslosen Militärrampen.
Vier Übergänge um einen Felsklotz: wie die Sellarunde tatsächlich funktioniert
Die Runde um den Sellastock wird gern als Panoramaschleife verkauft, sie ist aber in erster Linie ein Verkehrssystem. Die vier Sättel sind die einzigen Verbindungen zwischen vier ansonsten getrennten Tälern; über sie läuft alles — Lieferverkehr, Handwerker, Pendler, Reisebusse, Radsport und Tourismus. Wer das im Kopf hat, plant anders, als wenn er eine reine Ausflugsstrecke erwartet.
Der geläufige Name stammt aus dem Winter: Als Skirunde lässt sich das Massiv mit Liften und Abfahrten umrunden, während die Passstraßen selbst unter Schnee liegen. Im Sommer verschiebt sich die Logik. Die Runde einmal am Stück zu fahren ist eher Aufwärmprogramm als Tagesziel — ihr eigentlicher Wert liegt darin, dass sie als Drehkreuz taugt. Von jedem der vier Talorte führen Stichstrecken aus dem Rund heraus, nach Norden in Richtung Pustertal, nach Süden ins Fassatal und weiter, nach Osten Richtung Ampezzo. Statt drei Schleifen hintereinander lohnt es, die Runde als Nabe zu nutzen und die Speichen zu fahren.
Die Fahrtrichtung ist keine Geschmacksfrage. Gegen den Uhrzeigersinn liegt man auf den Abfahrten häufiger auf der talseitigen Spur mit freier Sicht über die Kehre hinweg; im Uhrzeigersinn hat man die Bergseite und damit kürzere Sichtweiten in den engen Kehren. Dazu kommt der Sonnenstand: Wer vormittags nach Osten und nachmittags nach Westen fährt, hat die Sonne dauerhaft flach im Visier. Ein Richtungswechsel nach der Mittagspause löst das ohne Umweg.
Sperrfenster als Planungsfaktor: Radtage, Rennen und autofreie Stunden
In den Dolomiten gehört zur Tagesplanung ein Punkt, den man aus anderen Alpenregionen kaum kennt: die geplante Sperrung. Mehrere große Radveranstaltungen legen ganze Passgruppen für Stunden oder einen kompletten Tag still, und einzelne Übergänge waren in den vergangenen Jahren versuchsweise stundenweise für den Motorverkehr gesperrt, um die Belastung im Hochsommer zu senken. Am Sellajoch lief dazu ein mehrjähriges Pilotprojekt.
Typische Anlässe:
Radtage rund um den Sellastock, an denen die vier Pässe für einen Tag komplett dem Fahrrad gehören und für Motorfahrzeuge dicht sind.
Große Radmarathons mit mehreren tausend Startern, die über eine feste Passfolge führen und diese für den halben Tag blockieren.
Etappen von Straßenradrennen, die kurzfristig Sperrzeiten für einzelne Anstiege nach sich ziehen.
Kommunale Verkehrsversuche mit zeitlich begrenzten Zufahrtsfenstern auf einzelnen Hochstraßen.
Die Termine wechseln jährlich und werden von den Gemeinden und Tourismusverbänden vorab veröffentlicht. Entscheidend ist die Topografie: Es gibt keine Parallelstraßen. Fällt ein Sattel aus, bleibt nur der Umweg durch die Täler, und der kostet in diesem Gelände schnell zwei Stunden. Umgekehrt lässt sich eine bekannte Sperrung sauber einplanen — der Tag mit dem Radrennen im Norden ist der ideale Tag für die südlichen Randgebiete.
Höhenlage, Kaltfronten und die Schattenseite der Kehre
Ein großer Teil der Fahrstrecke liegt oberhalb der Baumgrenze, und die Höhe wirkt sich fahrerisch stärker aus, als die Landkarte vermuten lässt. Die Lufttemperatur fällt je hundert Höhenmeter spürbar ab; auf einer langen Auffahrt bleiben die Reifen dadurch teils unter Betriebstemperatur, während man gleichzeitig in immer engere Radien einlenkt. Die ersten Kehren nach einer kühlen Passhöhe verlangen deshalb Zurückhaltung, unabhängig davon, wie warm es im Tal war. Auf der Abfahrtsseite dreht sich das Problem um: Lange, gleichmäßige Gefällestrecken belasten die Bremse dauerhaft, hier hilft konsequentes Fahren im niedrigen Gang mehr als jede Bremstechnik.
Nordseitige Kehren und die Innenseiten von Galerien bleiben bis in den Vormittag hinein feucht, weil dort nie direkte Sonne hinkommt. Feuchtigkeit auf glattgefahrenem Asphalt in einer engen Kehre ist die häufigste unangenehme Überraschung im Hochgebirge, und sie tritt bei blauem Himmel genauso auf wie nach Regen.
Beim Wetter zählt weniger der Tagesdurchschnitt als der Wechsel. Der Gebirgszug liegt an einer Wetterscheide: Die nördlichen Täler bekommen mit Nordwestlagen häufiger trockene, klare Luft, während sich an den südlichen Randketten feuchte Mittelmeerluft staut und dort deutlich mehr Niederschlag fällt. Beide Seiten können am selben Tag völlig unterschiedliches Wetter haben — eine Passüberquerung ist damit auch ein Wetterwechsel. Kaltfronteinbrüche im Sommer können die Schneefallgrenze innerhalb weniger Stunden bis in die Höhenlage der Passstraßen drücken; dass ein Hochübergang im Juli oder August kurzfristig geräumt werden muss, ist selten, aber kein Ausnahmefall. Nach einer solchen Front sagt der Kalender nichts mehr über den Zustand der Passhöhe aus.
Porphyr und Kalkrücken: Lagorai und Monte Grappa als Gegenprogramm
Wem im Kernrevier zu viel los ist, findet an den Rändern zwei Gebiete mit völlig anderem Charakter. Die Lagorai-Kette im Trentino besteht nicht aus hellem Dolomitgestein, sondern überwiegend aus dunklem vulkanischem Porphyr. Optisch ist das ein harter Bruch: dunkle, bewaldete Rücken, weite Almflächen, kaum ausgebaute Skiinfrastruktur, entsprechend wenige Hotels und wenig Durchgangsverkehr. Die Übergänge sind schmaler, oft ohne Mittellinie, mit engem Kurvenverlauf durch dichten Wald und einer Passhöhe über der Baumgrenze. Der Verkehr ist ein Bruchteil dessen, was zeitgleich um den Sellastock rollt.
Am südlichen Rand liegt der Monte Grappa, ein isolierter Stock über der venezianischen Ebene. Er wird von mehreren Seiten erschlossen, und die Auffahrten unterscheiden sich stark — von langen, gleichmäßigen Serpentinenstrecken bis zu schmalen, steilen Bergstraßen. Ein Teil dieses Netzes wurde im Ersten Weltkrieg als Militärstraße angelegt, um Truppen und Geschütze auf den Gipfelbereich zu bringen. Der Berg war Schauplatz schwerer Kämpfe und trägt oben ein monumentales Beinhaus, in dem die Gebeine von Gefallenen beider Seiten beigesetzt sind. Der Gipfelbereich ist weitgehend baumfrei und liegt exponiert — bei aufziehendem Wetter ist man dort oben ungeschützt, und die Sicht kann innerhalb von Minuten auf wenige Meter fallen.
Auch entlang des Lagorai-Kamms verlief die Front. Stellungsreste, Grabenlinien und Fundamente liegen dort weit weniger touristisch aufbereitet im Gelände als im Kerngebiet der Dolomiten — sie sind Teil der Landschaft, nicht Teil eines Rundwegs.
Ladinisch: die dritte Sprache zwischen den Tälern
Rund um den Sellastock wird eine eigene Sprache gesprochen. Das Dolomitenladinische gehört zur rätoromanischen Gruppe und ist damit näher mit dem Bündnerromanischen und dem Friaulischen verwandt als mit dem Italienischen. Gesprochen wird es in fünf Tälern, die sich strahlenförmig um das Massiv legen:
Gröden (Gherdëina)
Gadertal mit Alta Badia (Val Badia)
Fassatal (Fascia)
Buchenstein (Fodom)
Ampezzo (Anpezo)
Jedes Tal hat seine eigene Variante, die sich in Aussprache und Schreibweise unterscheidet. Politisch ist die Sprachgruppe seit der Verwaltungsreform der 1920er Jahre auf drei Provinzen aufgeteilt, und daraus ergeben sich bis heute unterschiedliche Rechtsstellungen: In den Südtiroler Tälern ist Ladinisch dritte Amtssprache mit eigenem Schulmodell, in denen der anderen Provinzen ist der Schutz schwächer ausgeprägt.
Was das unterwegs bedeutet
Für die Navigation ist die Mehrsprachigkeit ein praktischer Faktor. Orte, Täler und Pässe tragen bis zu drei Namen, und Beschilderung, Kartenmaterial und Navigationsgerät verwenden nicht immer dieselbe Form. Wer eine Route nach deutschen Ortsnamen plant und dann auf italienische oder ladinische Schilder trifft, verfährt sich schneller als nötig. Es lohnt, sich vorab beide gängigen Namensformen der Etappenziele zu notieren. Kulturell sichtbar wird die Sprachgruppe in eigenen Museen und Kulturinstituten in den Tälern, in denen Sprache, Handwerk und Siedlungsgeschichte dokumentiert sind — ein sinnvoller Programmpunkt für einen Tag, an dem oben Wolken hängen.
Landschafts-Highlights, die du mit dem Motorrad erreichst
Pordoijoch (Passo Pordoi) & Sass Pordoi
Höchster Punkt der Großen Dolomitenstraße und Drehscheibe der Sellaronda. Von der Passhöhe bringt eine Seilbahn in vier Minuten auf den Sass Pordoi und die Aussichtsterrasse knapp unter 2950 Metern.
Anfahrt
SS48 zwischen Canazei im Fassatal und Arabba im Buchenstein
Motorrad-Parken
Große Parkflächen direkt an der Passhöhe bei den Berggasthöfen und der Seilbahn-Talstation, für Motorräder problemlos.
Öffnungszeiten
frei zugänglich; Passstraße im Winter gesperrt, Seilbahn Sass Pordoi saisonal in Betrieb
Höhe/Aussicht
Passhöhe 2239 m, Bergstation Sass Pordoi rund 2950 m
Karersee (Lago di Carezza)
Kleiner Bergsee an der Großen Dolomitenstraße, berühmt für die Spiegelung von Latemar und Rosengarten im türkisgrünen Wasser. Einer der meistfotografierten Punkte Südtirols, direkt an der Strecke.
Anfahrt
SS241 (Große Dolomitenstraße) kurz unterhalb des Karerpasses, zwischen Welschnofen und Vigo di Fassa
Motorrad-Parken
Bewirtschafteter Parkplatz an der SS241 gegenüber dem See, per Unterführung mit dem Ufer verbunden.
Öffnungszeiten
frei zugänglich (Uferrundweg); das Seeufer ist eingezäunt und darf nicht betreten werden
Höhe/Aussicht
1519 m, Blick auf Latemar (Süden) und Rosengarten (Nordosten)
Drei Zinnen (Tre Cime di Lavaredo)
Das Wahrzeichen der Dolomiten und Teil des UNESCO-Weltnaturerbes: drei nahezu senkrechte Felstürme, deren höchster, die Große Zinne, 2999 Meter erreicht. Vom Straßenende an der Auronzohütte reicht der Blick direkt auf die Südwände.
Anfahrt
Asphaltierte Mautstraße von Misurina hinauf zur Auronzohütte (Rifugio Auronzo)
Motorrad-Parken
Großer Parkplatz an der Auronzohütte am Ende der Mautstraße, mit Stellplatz für Motorräder.
Öffnungszeiten
gebührenpflichtige Mautstraße, nur in der schneefreien Saison (etwa Juni bis Oktober) befahrbar; im Winter gesperrt
Höhe/Aussicht
Auronzohütte 2320 m, Große Zinne 2999 m
Fedaiapass (Passo Fedaia) & Marmolada
Der Pass endet unmittelbar unter der Nordwand der Marmolada, mit 3343 Metern höchster Berg der Dolomiten. Oben liegt der türkisfarbene Fedaia-Stausee als Foto-Stopp mit Gletscherkulisse.
Anfahrt
Passstraße von Canazei im Fassatal hinauf; die Ostseite fällt Richtung Cordevoletal (Caprile) ab
Motorrad-Parken
Parkflächen an der Staumauer und bei den Berggasthöfen auf der Passhöhe.
Öffnungszeiten
frei zugänglich; Passstraße im Winter gesperrt
Höhe/Aussicht
Passhöhe 2057 m, Marmolada (Punta Penia) 3343 m
Passo Giau
Einer der schönsten reinen Fahrerpässe der Dolomiten: von Selva di Cadore in 29 Kehren zur Höhe, oben ein freies Rundum-Panorama bis zu Marmolada, Tofane und Croda Rossa. Deutlich weniger Verkehr als die Sellaronda.
Anfahrt
SS638 zwischen Cortina d'Ampezzo und Selva di Cadore / Colle Santa Lucia
Motorrad-Parken
Schotter- und Asphaltflächen an der Passhöhe beim Rifugio, Platz für Motorräder vorhanden.